Entrückte und dennoch beinahe nüchterne Musik, die so erhaben ist wie ein leerer Parkplatz im Morgenlicht: Im Frühling 2017 erscheint Odd Beholders zweite EP „Atlas“ und führt die unterkühlte, minimalistische Elektronika der ersten EP fort.

Odd Beholder artikulieren Entfremdung. Als Betrachter einer seltsamen Welt stehen sie neben dem Geschehen, sehen sich selbst aber nicht als unbeteiligt. Viel mehr versuchen Daniela Weinmann und James Varghese die Eindrücke zu ordnen und ihnen einen Sinn zu geben.

„Atlas“ setzt dort an, wo die Debüt-EP „Lighting“ endete. Während sich die Stücke auf der ersten EP um den Akt des Betrachtens drehen, steht nun der Betrachter selbst im Zentrum. Wie ein Tourist oder Pilger bewegt er sich in der Welt und sucht nach einer Richtung. Er geht pleite, er macht sich Sorgen, hat Schwierigkeiten, sich zu verorten und er sehnt sich nach Begleitung. „Die Stücke auf ‚Atlas‘ setzen sich mit der Angst auseinander und damit, wie wir damit umgehen und wie weit sie unsere Ethik und Logik bestimmt. Sie sind eine Aufforderung, die Angst abzulegen und sich stattdessen etwas zu widmen, das es Wert ist, festgehalten zu werden und dafür zu kämpfen“, erklärt die Band.

Während „Isometry“ und „Moon“ den Zwang behandeln, nicht loslassen zu können, spielt sich in „Garden“ der Kreis von säen, warten, ernten, sterben, keimen und auferstehen ab. „Coins“ und „Atlas“ sind Hymnen gegen die Angst. Letztere erzählt davon, sich von etwas zu trennen, dass man für unerlässlich hielt. „Coins“ wiederum stellt die Frage, welcher Wert mit Geld bemessen wird.

Nach wie vor suchen Odd Beholder ihren Weg aus dem Experiment in die Einfachheit. Popmusik ist das Ziel, nicht der Ausgangspunkt. In ihrer präzisen, unprätentiösen Musik findet sich das Interesse wieder, das Daniela Weinmann und James Varghese für ambivalente Stimmungen teilen. Gemeinsam schreiben sie introvertierte und auf das wesentliche reduzierte Musik, die zum Trojanischen Pferd für Größeres wird.

Seit der Veröffentlichung von „Lighting“ ist für Odd Beholder einiges in Bewegung geraten. Im Kleinen wie im Großen ist das Duo wortwörtlich unterwegs und konnte auf den vielen Konzerten und vor allem mit dem heimlichen Hit „Landscape Escape“ sowie dem dazugehörigen in Aserbaidschan gedrehten Video einige Aufmerksamkeit erhalten. „Atlas“ stellt nun in doppelter Bedeutung – als mythologische Figur und als Kartensammlung – die Frage nach der Orientierung und danach, worüber wir uns Sorgen machen und wofür wir Sorge tragen. „Die erste EP eröffnet mit den Worten: ‚I’ve been young all my life (…), I just couldn’t find the strength to really care‘“, erzählen die beiden. „Das hat sich offenbar verändert. Es ist uns nicht egal, was geschieht. Wir interessieren uns nicht mehr für Gleichgültigkeit.“