Wer sehbehindert oder blind ist, steht seit März vor ganz neuen Problemen. Die aktuellen Abstands- und Hygieneregeln bedeuten eine besondere Herausforderung,
wenn man nicht oder nur sehr schlecht sehen kann. Darauf weist der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund e. V. (BBSB) anlässlich des bundesweiten
Sehbehindertentages am 6. Juni hin.

Die Selbsthilfeorganisation hat im Mai eine bundesweite Umfrage unter Be-troffenen durchgeführt, aus der deutlich wird, wo es im Alltag Corona-bedingt
hakt. So haben beispielsweise viele Befragte Schwierigkeiten mit der Pflicht, einen Einkaufswagen zu benutzen, weil das den Einsatz ihres weißen Stockes
unmöglich macht. Wer im Supermarkt Nudelpackungen abtastet, um die richtige Sorte zu erwischen, muss sich auf böse Kommentare gefasst machen und auch Abstandsmarkierungen, die mit dem Stock nicht ertastet werden können, sorgen für Probleme. Zudem sind viele Bereiche in Geschäften und Arztpraxen mit transparentem Plexiglas “verbarrikadiert” worden. Sehbehinderte Menschen stoßen sich daran die Köpfe und verbringen viel Zeit damit, die “Durchreiche” zu suchen. Die Liste der Probleme ließe sich fortsetzen. Zahlreiche Befragte geben an, dass sie sich kaum noch aus dem Haus trauen, aus Sorge, etwas falsch zu machen.

Wie kann man sehbehinderte und blinde Menschen unterstützen?

Die Betroffenen wurden auch gefragt, welche Unterstützung sie sich von se-henden Menschen in Corona-Zeiten wünschen. Mehr als 200 der Befragten haben ihre
Wünsche und Tipps abgegeben. Die am häufigsten genannten sind hier veröffentlicht:

Hilfe anbieten

1. Wie viel Hilfe ein sehbehinderter Mensch braucht, hängt unter anderem ab von seiner Erfahrung, seinem Wissen und seiner Tagesform. Aber Hilfe anzubieten, ist niemals falsch und auch aus sicherer Entfernung möglich. Ein Satz wie „Die Dame mit dem weißen Stock – kann ich Ihnen helfen?“ ist völlig in Ordnung.
2. Reden
In Zeiten des Abstandhaltens sind sehbehinderte und blinde Menschen noch mehr als sonst darauf angewiesen, dass man mit ihnen spricht. „Ich sag Ihnen gern Bescheid, wenn Sie dran sind.“ „Einen Meter rechts von Ihnen ist ein Spender für Desinfektionsmittel.“ „Wenn Sie einen Schritt zurückgehen, stehen Sie hinter der Markierung.“ Ein Großteil der Befragten
kann gar nicht genug von freundlichen Hinweisen dieser Art bekommen.
3. Abstand halten
Ob auf dem Bürgersteig oder in der Straßenbahn – viele Menschen mit Seheinschränkung bekommen nicht früh genug mit, wenn ein zu geringer Abstand droht. Deshalb sind sie darauf angewiesen, dass man ihnen ausweicht. Und sollte das nicht möglich sein, weil man im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Rücken zur Wand steht: Einfach etwas sagen!
4. Busfahren
Seit der vordere Bereich in Bussen abgesperrt ist, können sehbehinderte und blinde Menschen nicht mehr wie gewohnt beim Fahrer einsteigen, ihn fragen, auf welcher Linie er fährt, und sich dann auf die vorderen Plätze für schwerbehinderte Menschen setzen. Deshalb ist es hilfreich, wenn jemand anbietet, die an der Haltestelle ankommenden Buslinien anzusagen
und bei der Suche nach Bustür und Sitzplatz als „Navi“ zu dienen.
5. Einkaufen
Viele Befragte haben Schwierigkeiten mit der Pflicht, einen Einkaufswagen zu benutzen, weil das den Einsatz ihres weißen Stockes unmöglich macht. Wer Nudelpackungen abtastet, um die richtige Sorte zu erwischen, muss sich auf böse Kommentare gefasst machen. Auch Abstandsmarkierungen, die mit dem Stock nicht ertastet werden können, sorgen für Probleme. In vielen Situationen wäre mehr Gelassenheit beim Personal und den anderen Kunden sehr willkommen.
6. Neue Regeln
Seit März werden vielerorts Zettel ausgehängt, um die Zahl der Kunden zu beschränken, Eingang und Ausgang zu trennen, das Hygiene-Konzept vorzustellen … Die Befragten würden die neuen Regeln gern beachten, können die Zettel aber nicht lesen und benötigen deshalb Unterstützung. Hinweise könnten beispielsweise in großer Schrift oder als E-Mail angeboten,
im Internet veröffentlicht oder vom Personal und anderen Kunden vorgelesen werden.
7. Kontraste
Viele Bereiche in Supermärkten, Arztpraxen, Bäckereien etc. sind in den vergangenen Wochen mit transparentem Plexiglas „verbarrikadiert“ worden. Sehbehinderte Menschen stoßen sich daran die Köpfe und verbringen viel Zeit damit, die „Durchreiche“ zu suchen. Was spricht dagegen, die Ränder der Scheiben mit kontrastreichem Klebeband zu markieren? Auch
der Kontrast von Markierungsstreifen zum Fußboden könnte oft optimiert werden.
8. Masken
An alle Träger von Mund-Nasen-Bedeckungen geht die Bitte, besonders klar und deutlich zu sprechen, weil viele sehbehinderte Menschen nicht in der Lage sind, sprachbegleitende Gesten wahrzunehmen. Einige der Befragten wünschen sich Verständnis dafür, dass sie aufgrund einer bestimmten Seheinschränkung keine Maske tragen – sie könnten sonst
gefährliche Hindernisse wie abwärts führende Treppenstufen nicht mehr erkennen.
9. Warteschlangen
Die neuartigen „Corona-Schlangen“ mit Abstand zwischen den Wartenden sind für viele sehbehinderte und blinde Menschen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie würden sich freuen zu erfahren, dass es eine Schlange gibt, ob sie zur Post oder zum Bäcker führt, wo man das Ende der Schlange findet und wann man vorrücken soll.
10. Verständnis
Zahlreiche Befragte geben an, dass sie sich kaum noch aus dem Haus trauen, aus Sorge, etwas falsch zu machen. Sie wünschen sich weniger Bemerkungen wie „Steht doch da“ und „Warum nehmen Sie sich keine Begleitung mit“. Stattdessen wünschen sie sich mehr Gelassenheit, mehr Hilfsbereitschaft, mehr Kommunikation und mehr Verständnis für ihre Situation.

Weitere infos dazu unter https://www.dvbs.org/corona